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Last Words 2010

23. Dezember 2010
Irgendwo in einem nahegelegenen Universum neigt sich ein kalter Dezembertag seinem Ende zu.

Ein Zimmer, in dem es angenehm warm ist. Jemand hat sich in sein Bett begeben. Irgendwo im Raum läuft ein Fernseher. Jemand beachtet ihn anfangs nicht, betrachtet nur entspannt die Zimmerdecke, abwesend. Jedoch drängt sich in seine Gedankenverlorenheit mehr und mehr das auditive Aufmerksamkeitsheischen des Fernsehers.

… kurz und simpel. Kein langes Resümieren, kein Rumgesülze. Kein Aufwärmen der vergangenen Monate, kein Wiederkäuen der gesellschaftlich gepushten Themen – kein Umkreisen des Jahres im mayer-landrut`schen Satelliten-Stil. Warum auch?
Besteht wirklich Interesse, auf das in Kürze endende Jahr zurückzublicken? Den ganzen Kram erneut durchzugehen, der – wenn nicht bereits jetzt – sowieso bald in den Vergessensschubladen unserer Gedankenverarbeitungsanlagen verstaut sein wird? Und wenn nicht vergessen, ja, vielleicht sogar bewusst im weltlichen Großraumgedächtnis gehalten von Historikern, Archivaren, Schulbuchverfassern, Medienbediensteten und sonstigen Hanseln, dann doch immerhin schon tausendfach publiziert, rezipiert und dementsprechend überstrapaziert.
Also weshalb das Ganze an dieser Stelle erneut bruchstückhaft aufkochen?
Gibt es wirklich noch Bedarf an weiteren verbalen Entgleisungen zu Stuttgart 21, an strahlenden Atomkraftstatements, an glitschiger Sprachgischt zu BPs Spaßbadeplattform Deepwater Horizon, an dem durch Medien-Schnell- und Schnappschüsse im öffentlichen Bewusstsein gehaltenen Winnenden-Amok-Prozess, an Sprechchören a la „Euroland ist abgebrannt“ oder an weiteren vagen Wikileaks-Wahrheiten?
Möchte irgendwer an in diesem Jahr von uns gegangene Kunst-, Kultur-, Politik- oder Wissenschaftsbereicherer wie J. D. Salinger, Martin Büsser, Christoph Schlingensief, Ernst von Glasersfeld, Benoît Mandelbrot, Loki Schmidt, Hermann Scheer, Lech Kaczy?ski, Richard Holbrooke, Ronnie James Dio, Peter Steele, Steve Lee, Don Glen Van Vliet, Dennis Hopper, Sally Menke, Blake Edwards oder Leslie Nielsen, um nur ein paar wenige zu nennen, erinnert werden? Oder an gesellschaftlich anerkannte Eskapaden, Fehltritte und Verfehlungen beziehungsweise -gehen lebender Persönlichkeiten oder zumindest Vergehensvermutungen hinsichtlich diverser? Diesbezüglich könnten – neben dem ein oder anderen kinderfreundlichen Katholiken – Namen wie Margot Käßmann, Thilo Sarrazin, Erika Steinbach, Charlie Sheen, Lindsay Lohan, Paris Hilton oder Jörg Kachelmann am Knauf der Tür zur Gedankenwelt rütteln. Mal ganz abgesehen von der Rücktrittsglanzleistung Horst Köhlers… Und vielleicht hätte man sich hier – anstatt drei Wahlgänge abzuhalten – zur Bestimmung eines Nachfolgers ein Beispiel am Kim-Jong-Il-Style nehmen können: Sohn… hau rein! Aber es drängt sich auch das Gefühl auf, man könne kaum noch etwas richtig machen. Wie will man sich sonst erklären, dass der diesjährige Friedensnobelpreisträger inhaftiert ist und dem letztjährigen für sein Sozialgroßprojekt Versicherungspflicht unter seinen Landsleuten – nun gut, die sind ja auch damit beschäftigt, mutmaßliche russische Agenten zu enttarnen – aktuell überwiegend Abneigung entgegenschlägt? Auf der anderen Seite der Wohltäter-Medaille: Soll man den aus Panik vor dem Auftauchen von Dateien über ihre abenteuerlichen Geldanlagen Reue zeigenden Steuerhinterziehern nun den Kopf tätscheln? Oder doch Feuer mit Feuer bekämpfen und Staatszechpreller illegalerweise mit samt der dazugehörigen Daten auf Vorrat wegspeichern? Das könnte ja Google übernehmen – zumindest das mit den Daten. Dann hätte man gleich die Möglichkeit, sich auf der firmeneigenen Plattform die Vorgärten der Serverstandorte anzusehen. Nun ja, weg jetzt von PR und Perversion und hin zu einem friedvolleren Ereignisfeld – wobei… Das ganz große sportliche Tennis. Hier wären beispielsweise der seit Mitte dieses Jahres amtierende Fußballweltmeister Spanien – nachträgliche Gratulation an dieser Stelle. Viva España! – und die dazugehörige Veranstaltungsreihe sowie der junge Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel zu nennen. Allerdings auch der tödliche Unfall des georgischen Rennrodlers Nodar Kumaritaschwili bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver. Und wetten, dass Samuel Kochs sportlicher Tiefschlag – oder Höhenflug, je nachdem, von welchem Maß an Zynismus man getrieben wird – uns noch eine Weile in verschiedenen Zusammenhängen und Nachrichtenressorts begleiten wird? By the way: Lässt sich so eine Loveparade eigentlich auch unter Sport verbuchen? Schon bitter – menschlich bitter. Natürlich bitter und gleichzeitig spielerisch präsentierte sich das Klima dieses Jahr. Erdbeben auf Haiti, Vulkanausbruch in Island, Überflutungen in Pakistan, verheerende Brände in Russland. Und wenn in diesen Tagen Flüchtlingsschiffe an der Weihnachtsinsel zerschellen, hat das nicht etwas Bezeichnendes? Man könnte meinen, ein spöttisches Schmunzeln auf den Lippen der Natur zu erkennen, während sie mit der ihr angeborenen Grazie den Body Count in die Höhe treibt… und damit den Menschen – der dieses Jahr nicht einmal eine alles und jeden auszulöschen drohende Krankheit gefunden hat, die er hätte hypen können – gerechterweise in seiner Paradedisziplin aussticht…

Halbschlaf. Jemand bekommt nur noch am Rande die Geräusche mit. Dennoch reicht es. Es ist verstörend. Es darf doch nicht so sein, denkt er. Es ist wertlos. Er ist angespannt. Die ihn umschließende Wärme fühlt sich falsch, fast kalt an. In das matte Kreisen seiner tristen Gedanken mischt sich die Wahrnehmung einer vom Fernseher ausgehenden klanglichen Veränderung.

… muss man schon sagen, dass diese ganze Miesmacherei nicht wirklich einen Sinn hat. Natürlich kann man sich viel Schlechtes zusammensuchen, in einen Topf werfen, aufkochen – hierbei das Umrühren nicht vergessen – und mit der brühend heißen Pansche ahnungslose Passanten auf den Wegen der Erinnerung übergießen, dann die von den sich windenden Rückblicksopfern abtropfenden Reste und das im Topf Verbliebene auf dem Boden verteilen und gefrieren lassen, damit auch die Nachkommenden noch etwas davon haben. Aber das ist doch unvernünftig. Wer wollte denn so etwas? Das Leben heißt nicht Shannon Briggs und die wenigsten von uns Vitali Klitschko… Und man muss auch nicht Silvio Berlusconi heißen, um la dolce vita zu genießen (wobei es sicher nicht schadet). Und wenn jemand namens Frank-Walter Steinmeier seiner Frau eine Niere spenden kann, sollte doch für jeden nicht so Heißenden nichts falsch daran sein, zumindest Weihnachtsfreude und Neujahrsoptimismus zu spenden – und natürlich auch für sich in Anspruch zu nehmen. Man würde ja auch keinem der geretteten 33 chilenischen Bergleute, die mehr Glück hatten als ihre bedauerns- und betrauernswerten 29 neuseeländischen Kollegen, erzählen wollen, das Leben sei schlecht. Oder? Ganz im Ernst – es zöge doch niemand einen Nutzen aus einer sich zivildienstähnlich dem vollkommenen Verschwinden annähernden Lebensfreude…

Jemand schweift immer mehr ab. Fest geschlossene Augen. Ein leichtes Lächeln verbindet nun seine Mundwinkel. Schon besser, fühlt er, weiß er, begleitet von einem innerlichen Kopfnicken. Die wohlige Wärme im Zimmer entspannt. Und der Schlaf ergreift Besitz von ihm.

Eine Bahnhofshalle. Jemand blickt sich um. Menschen, Geschäfte, Fahrplan-Vitrinen, Anzeigetafeln, Kartenschalter – ja, eine Bahnhofshalle mit gewohntem Bahnhofshallenequipment. Ziellos läuft er los. Von irgendwoher kommt Musik. Er schnappt Gesangsfetzen auf. Es klingt wie, „Holy Diver… you`re my Cinnamon Girl…“ Erneut sieht er sich um und erkennt in einiger Entfernung zwei langhaarige Gestalten, die an einem der vielen Läden stehen. Einer von ihnen – er wirkt, nicht nur im Verhältnis zu seinem wesentlich kleineren Kollegen, riesenhaft – spielt Kontrabass. Beide singen. Vor ihnen auf dem Boden liegt ein geöffneter Instrumentenkoffer, in den vorbeigehende Personen ab und zu Euro-Münzen werfen, die jedoch beim Auftreffen im Koffer sofort zu Staub zerfallen. Daneben steht Martin Büsser, beobachtet die beiden und notiert sich irgendetwas. Jemand sieht sich die Szenerie eine Weile an, bis er von der Seite angerempelt wird. Er dreht sich um. Unrasiert und in verdreckten Trainingshosen, in gebückter Haltung und wirr vor sich hin brabbelnd, geht da eine Person, die aussieht wie Thilo Sarrazin. Immer wieder bleibt sie kurz stehen, um angewiderte Passanten anzupöbeln. Nun geht sie zielstrebig auf den mittlerweile sehr eingestaubten Instrumentenkoffer der beiden Musiker zu, blickt kurz zu dem Basshünen hinauf, verharrt einen Moment lang und verschwindet dann wütend Richtung Boden nuschelnd. Jemand schüttelt den Kopf und geht ebenfalls weiter. Er kommt an einem Kiosk vorbei. Dort sieht er vor einem Stand mit Ansichtskarten einen Kraken. Dieser blickt eine Weile ratlos auf Karten mit Abbildungen der Wahrzeichen verschiedener Länder. Letztendlich entscheidet er sich für eine, auf der die Umrisse Spaniens erkennbar sind.
Jemand setzt seinen Weg fort, bis er an einen Bahnsteig gelangt, an dem ein abfahrbereiter ICE steht. Jemand steigt ein. Er will eine Waggontür öffnen, hält jedoch inne, da eine Stimme hinter ihm ihn aufhorchen lässt: „Sehr geehrte Fahrgäste, nun zum Wetterbericht der Bahn. Wie uns aus sicheren Quellen berichtet wurde, funktioniert in diesem Zug die Klimaanlage nicht. Daher ist mit hochsommerlichen Temperaturen zu rechnen…“ Jemand dreht sich der Stimme entgegen und erblickt auf einem an der Wand angebrachten Monitor Jörg Kachelmann. Dieser grinst durch ein paar Gitterstäbe und fuchtelt gelegentlich vor einer in den Hintergrund animierten Karte der Waggons herum, auf der etliche Sonnen wabern. Neben der Karte sitzt Julian Assange, der, in apathischer Unruhe mit dem Kopf nickend, immer wieder vor sich hin flüstert: „Es ist wahr. Es ist alles wahr…“ Jemand wendet sich, die Wärme genießend, wieder um und beginnt, durch den langsam anfahrenden Zug zu schlendern. In einem Abteil sieht er Margot Käßmann, Charlie Sheen, Lindsay Lohan und Paris Hilton. Während Käßmann und Sheen versuchen, einen Turm aus leeren Weinflaschen zu bauen, lallt sie ihm ins Ohr, es sei nicht nötig, ein Taxi ins Hotel zu nehmen, da sie ihr Auto am Zielbahnhof geparkt habe. Lohan und Hilton bekommen nichts davon mit, da sie sich gerade um auf dem Tisch vor ihnen verstreute Koksreste streiten.
Jemand geht weiter. Er blickt aus einem Fenster auf die vorbeiziehende Landschaft. Er sieht wild grölende, Fahnen schwenkende Menschenmassen. Leicht abseits davon erkennt er Lena, die grenzdebil irgendetwas auf einer Vuvuzela trötet.
Jemand kommt in den Speisewagen. Erika Steinbach stürmt an ihm vorbei und versucht, eine entspannt dort sitzende Horde Politiker zu vertreiben.
Jemand betritt den nächsten Waggon. Ein paar Leute haben sich um einen Tisch herum versammelt. Eine davon ist Sally Menke, die ruhig kleine Kunstwerke aus Filmrollen schnitzt. Edward Blake hat ihr gegenüber Platz genommen und zeigt gerade Leslie Nielsen einen Zettel, auf dem dick unterstrichten „Stuttgart Movie 21 1/2“ steht. Nielsen nickt anerkennend. J. D. Salinger sagt zurückhaltend von einem Ende des Tisches irgendetwas bezüglich eines Drehbuches, während Christoph Schlingensief sich angestrengt Gedanken über eine Bühnenadaption macht.
Jemand hat auf einmal das Gefühl, irgendetwas stimme nicht. Er eilt weiter, durchquert mehrere leere Waggons und bleibt plötzlich unruhig vor einer Tür stehen. Vorsichtig öffnet er sie und betritt die Fahrerkabine. Er blickt geradewegs durch die Frontscheibe des ICE nach draußen. Keine Schienen sind zu sehen. Der Zug wird von einem Motorrad gezogen, das von Dennis Hopper gelenkt wird. Jemandes Blick fällt auf den Fahrersitz des Zuges. Von diesem lächelt ihn Ernst von Glasersfeld an und fragt: „Ist das real?“

Jemand schreckt halb auf. Wo ist er? Er blickt sich durch immer noch fast geschlossene Augen unsicher in der Dunkelheit um. Nur langsam ist sein Bewusstsein fähig, ihn die vertraute Umgebung erkennen zu lassen. Wie lange hat er geschlafen? Er weiß es nicht, es ist ihm egal. Der Fernseher läuft noch, allerdings hat sich das Klangbild deutlich verändert.

… haben Teaching Kelly 2010 einiges erlebt. Sängerin Ele hat sich einen Hund zugelegt, Drummer Oli hat geheiratet, Basser Tobi hat sich eine Segelyacht gekauft und die Gitarristen Rafa und Matze… sind nach wie vor Gitarristen und konnten sich dementsprechend auf den vielen bereisten Bühnen trotz aller Mischer-Bemühungen nicht hören. Dies war zum Glück bei den Tape-Aufnahmen, die TK Anfang des Jahres erfolgreich beendeten, nicht der Fall. So konnte die Band bereits ab April ihr 4-Song-Demo präsentieren und unter`s Volk bringen. Und das nicht nur regional. Denn im September verließen Teaching Kelly den heimischen Süden und veranstalteten weit ab nicht nur vom Schwaben-, sondern auch vom Festland eine Sylt-Tour. Die drei Gigs der Tour rund um Westerland waren der Band-Höhepunkt 2010. Darum wollen Teaching Kelly auch 2011 wieder die Insel rocken. Die Planung hierfür läuft bereits. Jedoch soll das natürlich nicht das einzige TK-Highlight im kommenden Jahr sein. Näheres will die Band zwar diesbezüglich noch nicht verraten, aber Fans der Hart-Laut-Schnell-Musik können auf jeden Fall gespannt sein. Zumal…

Ein gutes Jahr. Jemand lächelt wieder. Leben macht lustig, sagt eine Stimme in seinem Kopf. Er hat keine Verpflichtungen am anstehenden Tag, deshalb lässt er die schweren Lider locker auf den Augen liegen. Dass die Energiepreise in diesem Jahr wieder deutlich gestiegen sind, interessiert ihn nicht. Die ihn umgebende Wärme ist unbezahlbar. Dieser Moment des Glücks zieht seine Mundwinkel noch weiter nach oben. Wieder einschlafend, denkt er, alles ist gut…

… und am gipskeupernen Horizont fliegen, auf öltriefenden Pelikanen reitend, Juchtenkäfer der langsam aufgehenden Wahrheit entgegen…

band_website

Teaching Kelly bedanken sich bei all ihren Unterstützern 2010 und wünschen allseits fröhliche Weihnachten, ein steiles Jahresende und einen hervorragenden Start in ein hoffentlich ebenso hervorragendes Jahr 2011.
 
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